Quelle: www.wikipedia.org

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Wikipedia – der Brockhaus der digitalen Generation – unterwandert und infiziert von skrupellosen PR-Agenten? Diese Nachricht sorgte kürzlich für eine Welle des Aufschreis im sozialen Netz. Wikipedia gilt als unabhängige Instanz. Der Gral des absoluten Wissens. Eine Enzyklopädie von allen für alle. Topaktuelles Wissen, das immer und überall verfügbar ist. Wer etwas wissen will, sieht meist zuerst bei Wikipedia nach – egal ob Schüler oder Studenten, Journalisten oder Manager. Wikipedia liegt auf Rang 6 der weltweit am häufigsten aufgerufenen Seiten. Was bei Wikipedia steht, wird hinlänglich als Fakt betrachtet und als zitierfähig.

Wikipedia besitzt Meinungsmacht. Und wo Macht ist, da gibt es Missbrauch. Unternehmen, Politiker, Organisationen, Aktivisten und Individuen tragen mit Hilfe von Wikipedia einen Kampf ums Wissen aus. Im Dienste der eigenen Interessen werden Beiträge bearbeitet und verändert. Die Liste der Missbrauchsfälle ist lang. Dies macht Angst, zeigt aber auch, dass es Wege gibt, Manipulation auf dem Wissensportal aufzudecken. Die wichtigste Rolle spielen dabei die Wikipedianer selbst, die Gemeinschaft aller registrierten Nutzer der Plattform. Erscheint ihnen ein Betrag als nicht enzyklopädisch genug, so können sie ihn zur Löschung zur Diskussion stellen. Neben der Selbstkontrolle hilft auch Software, wie der Wikiscanner. Diese Software macht es möglich, die anonym erfolgten Änderungen in der englischen Wikipedia anhand ihrer IP-Adressen zurückzuverfolgen und dem Rechnernetz einer Organisation zuzuordnen. So wird sichtbar, welche Korrekturen durch ein Unternehmen erfolgt sind.

Also warum dieses Gezetere mögen sich manche fragen. Angesichts dessen, dass heutzutage sogar befreundete Staaten sich gegenseitig belauschen und selbst angeblich abhörsichere Handys angezapft werden, darf man sowieso niemanden mehr glauben. Nicht mal sich selbst – könnte doch die Kollegin ein Undercover-Spion sein, die mir heimlich Psycho-Drogen in den Bürokaffee geschmuggelt hat, um mich dann im morgendlichen Halbschlaf zu überreden, für sie die Präsentation fürs morgige Meeting vorzubereiten. O.K. vielleicht ein wenig zu viel Paranoia.

Fakt ist: die Wissensmanipulation hat ein bislang unbekanntes Ausmaß angenommen. Redakteure von Wikipedia haben mehr als 250 Verfasserkonten gesperrt und Dutzende von Artikeln hervorgehoben, die möglicherweise verzerrt sind. Hinzu kommt: das alles erfolgte in höchst professioneller Form. Die Spuren führen zu einer Agentur mit dem treffenden Namen WikiPR. Wikipediafälschung als Teil des Dienstleistungsportfolios einer Agentur. Ihr Trick: „Sock puppetry“. Es werden mehrere Fake-Accounts angelegt, um Manipulationen schwer durchschaubar zu machen.

WikiPR wirbt auf seiner Webseite ganz offen mit seinem Service. 45 Mitarbeiter beschäftigt die Agentur, darunter einige Administratoren. Dies sind Mitglieder der Wikipedia-Community mit besonderen Rechten, die über die Befugnisse normaler Autoren hinausgehen. Ob dieser Skandal die Glaubwürdigkeit von Wikipedia schmälern wird, wird sich zeigen. Allerdings haben auch die vielen vorhergehenden Missbrauchsfälle dem Image von Wikipedia auf langfristige Sicht wenig anhaben können.

Wird dieser Skandal die PR-Branche beeinflussen? Viele Marketingfirmen und PR-Abteilungen von Unternehmen haben gelernt, wie sie Wikipedia-Artikel ohne großes Aufsehen beeinflussen können. So verfassen sie auf der Diskussionsseite zu einem Eintrag eine Bemerkung und schlagen vor, dass jemand anderes etwas in einem Text korrigiert oder ergänzt. Das Chartered Institute for Public Relations, ein Verband der PR-Branche, hat einen Leitfaden zum Umgang von PR-Leuten mit Wikipedia-Einträgen erstellt. Transparenz, Fairness und Respekt gegenüber der Wikipedia-Community sind hier die Schlüsselworte. Prinzipien, die nicht nur hier, sondern bei der PR-Arbeit im Allgemeinen gelten. Schwarze Schafe wird es aber überall geben. Hoffen wir, dass auch künftig der Geist von Wikipedia „Freies Wissen – von allen für alle“ jegliche Skandale überlebt.

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